Manchmal frage ich mich, wer dieses Vorurteil in die Welt gesetzt hat, wer behauptet, die Südländer seien faul und ganz Deutschland finanziere deren süßes Nichtstun.
Ich kann sie nicht entdecken – die Faulen, die Nichtstuer, die Auf-Kosten-Anderer-Lebenden. Mir zeigt sich täglich ein ganz anderes Bild.
Da ist zum Beispiel Modesto, ein Mann in den besten Jahren. Modesto ist nicht nur der Besitzer unserer Wohnung, sondern auch Elektriker, Anstreicher, Wasserinstallateur, Elektroinstallateur, Flurreiniger, Poolreiniger und ganz nebenbei auch noch Gärtner. Was heißt Gärtner, er bewirtschaftet einen Gemüsegarten vom Ausmaß eines Fußballfelds. Und, um die Liste vollzumachen, er ist auch noch Familienvater und Mitinhaber eines Multiservices-Unternehmens.
Modesto arbeitet eigentlich immer. Und zwar sieben Tage in der Woche. Selbst sonntags gräbt er mit schwerem Gerät den Garten um. Spätestens dann wünschen wir uns, dass sein Fleiß mal erlahmt und er sich still auf ein gemütliches Sofa zurückzieht.
Und das Beste, Modesto ist immer gut gelaunt, hat immer Zeit für ein Schwätzchen. Egal, wie viel er zu tun hat, das Wichtigste sind immer die Menschen in seinem Umkreis. Dann muss die Arbeit eben ein bisschen warten, getan wird sie trotzdem.
Oder die Einkaufsläden. Gut, es gibt nach wie vor in den meisten Städten die »Siesta«. Etwa zwischen eins und halb fünf ist die Sonne am heißesten und die Geschäfte sind zu. Zeit für ein vernünftiges Mittagessen und ein wenig Erholung. Dafür bleiben die Läden am Abend bis fast zehn Uhr geöffnet. Und selbst kurz bevor das Geschäft schließt, wird weder geputzt noch aufgeräumt. Bis zur letzten Minute kann der Kunde sich auf eine aufmerksame und geduldige Bedienung verlassen. In Deutschland habe ich schon 30 Minuten vor Ladenschluss kein Hackfleisch mehr kaufen können. Begründung: Die Maschine sei schon gereinigt ...
Oder das junge Mädchen, welches uns sonntags im Café unseren Cortado zur Zeitung bringt. Abends ist es immer noch da. Vielleicht etwas müder aber nicht weniger verbindlich. Auf die Frage, wie es ihr denn geht, sagt sie: »Ich habe Arbeit, ich habe eine Familie, ich bin gesund – mir geht es gut.« Und strahlt uns an.
Oder der Besitzer des Bioladens, den wir an einem Sonntagmorgen gut gelaunt beim Radfahren treffen. Ab mittags wird er nicht weniger gut gelaunt für den Rest des Tages in seinem Laden stehen und arbeiten.
Wir begegnen ihr hier immer wieder: der anderen Art, mit dem Leben umzugehen. Bescheidener, fröhlicher und, ja, oft auch menschlicher. Vielleicht ist es genau das, was fälschlicherweise den Eindruck vermittelt, die Südländer seien faul. Das stimmt nicht. Sie machen die Dinge nur ein bisschen anders. Vielleicht mit etwas weniger Disziplin und etwas weniger Gejammer. Faul sind sie definitiv nicht!






